Wer in Braunschweig Kultur zum Mitmachen statt zum bloßen Zuschauen sucht, findet sie donnerstags in der Okerburg an der Hochstraße. Die Sassen der Schlaraffia Brunsviga bestreiten ihre Abende mit eigenen Versen, Liedern, Vorträgen und gereimten Wettstreiten. Gäste hören zu, lachen mit und entscheiden selbst, ob sie irgendwann etwas beisteuern.
Ein Reych mit Theaterblut
Die Neigung zur Kunst ist hier angeboren. Ins Leben gerufen wurde die Brunsviga 1883, nachdem Mitglieder des Herzoglichen Hoftheaters Gefallen am schlaraffischen Treiben gefunden hatten, und an ihrer Spitze standen bald Männer mit sprechenden Namen. Der Kaufmann Karl Einert regierte als Rt Bariton der Sängrige über zwanzig Jahrungen, sein Nachfolger, der kunstbegeisterte Lehrer Hermann Krüger, hieß Rt Tom der Reimer. An dessen Seite machte sich Rt Ingenio im ganzen Uhuversum einen Namen mit hochgeistigen Fechsungen, wie Schlaraffen ihre selbst geschaffenen Beiträge nennen, und die von Tom gestalteten Heroenfeiern wurden berühmt.
Selbst geschrieben, selbst gespielt
Dass ein Reych aus dem Theater auch selbst Theater spielt, verwundert kaum. Beim Burgfrauenfest 1980 kam das Spectaculum „Kaiser Maximus in Nöten“ zum ersten Mal zur Aufführung, 1994 folgte das Schauspiel „Der Zauber der Walpurgisnacht“. Schon 1972 rief die Brunsviga die Junkertafeln zu einem Chor-Sänger-Wettstreit und richtete mit der Uhuversiade die ersten Reychsjugendspiele aus.
Turneys um Ketten und Plaketten
Ein Turney ist bei den Schlaraffen ein Wettstreit der Fechsungen, und die Brunsviga hat erstaunlich viele davon. Gestritten wird um die Graf-Jörg-Plakette, um die Korkenkette bei einer Lethe-Sippung, die dem Wein gewidmet ist, um die Kronkorkenkette bei der Quell-Sippung und zu Ehren des Ehrenschlaraffen Florestan um die Florestankette; bei der Uhubaumfeyer geht es um die Burgfrauenkette, und im Harz wartet der Walpurgisorden. Dazwischen liefern die Mottos reichlich Stoff: Walt Disneys Figuren zu seinem 125. Geburtstag, Heinz Rühmann, der im Uhuversum als Ehrenschlaraffe La-Le-Lu geführt wird, Braunkohl, Spargel und Mettwurst als Braunschweiger Küchenlyrik oder bewährte Hausmittel für den Fall, dass Uhu bresthaft wird.
Ein Heimatdichter, den es nie gab
Zur Kleinkunst gehört auch der gut gemachte Streich. Braunschweiger Schlaraffen erfanden einst den Heimatdichter Otto Bögeholz, einen Mann, der nie gelebt hat, und doch trägt in Watenbüttel heute eine Straße seinen Namen. Ernster, aber nicht weniger braunschweigisch ist der Ort selbst: In der ehemaligen Gießerei Georg Ferdinand Howaldts, in der einst das Lessing-Denkmal und die Quadriga mit der Brunonia entstanden, wird heute gereimt und gesungen. Die Wandmalereien, mit denen Rt Immemett den Rittersaal ausgestattet hatte, gingen 1944 verloren, der Sinn für schöne Künste blieb im Haus.
Offene Abende in der Okerburg
Neben den Sippungen öffnet die Brunsviga ihre Burg an der Hochstraße immer wieder für Sonderveranstaltungen, zu denen ausdrücklich alle Interessierten eingeladen sind. Das reicht von Lesungen mit Klavierbegleitung, bei denen schaurige Geschichten von Edgar Allan Poe oder Friedrich Gerstäcker im Rittersaal zu Gehör kommen, über Jazz-Matineen am Sonntagvormittag bis zu einem Liederabend mit Schuberts „Winterreise“, die gesungen und zugleich erklärt wird. Wer solche Abende mag, findet die nächsten Termine unter Sonderveranstaltungen; eine kurze Anmeldung hilft bei der Planung der Plätze.
Als Zuhörer willkommen
Vortragen muss als Gast niemand; ein aufmerksames Ohr und Freude an Sprache genügen. Welche Mottos und Turneys bevorstehen, zeigt der Terminkalender der Brunsviga, und was vor dem ersten Abend gut zu wissen ist, beantworten die häufigen Fragen. Wie die Schlaraffen insgesamt ticken, erklärt die Seite Schlaraffia kurz vorgestellt bei schlaraffenfreunde.de.
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