Wer vom Hagenring über die Jasperallee Richtung Staatstheater fährt, hat sie vermutlich schon hundertmal gestreift, ohne hinzusehen: ein gedrungener Bruchsteinbau mit Turm, Hochstraße 21, Eckgrundstück zur Howaldtstraße. Die Okerburg. Von außen wirkt sie wie ein Stück Mittelalter, das sich ins Gründerzeitviertel verirrt hat. Tatsächlich ist sie gut hundert Jahre alt – und an ihren Abenden passiert etwas, wofür es im Braunschweiger Freizeitangebot kaum ein Gegenstück gibt.
Erst Gießhalle, dann Burg
An dieser Stelle stand ab 1859 die Gießhalle von Georg Ferdinand Howaldt, dem Erzgießer, dessen Werkstatt Braunschweig weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machte. Das heutige Gebäude entstand 1905 als massiver Bruchsteinbau; seine Formen zitieren erkennbar die Burg Dankwarderode und den Braunschweiger Dom. Der Turm gab dem Haus seinen Namen – die Okerburg, nach dem nahen Okerring.
1906 ging der Betrieb in Konkurs. 1912 kaufte die Schlaraffia Brunsviga das Gebäude und richtete es für ihre Zwecke her; seither ist es ununterbrochen ihr Sitz. Der Zweite Weltkrieg beschädigte das Haus, die Wandmalereien gingen verloren. Heute steht die Okerburg unter Denkmalschutz. Einmal im Jahr, am Tag des offenen Denkmals, kann man sie von innen sehen – der Rest des Jahres gehört den Abenden.
Was donnerstags drinnen passiert
In der Winterung – so heißt das schlaraffische Winterhalbjahr, das Anfang Oktober beginnt – treffen sich hier donnerstags um 20 Uhr Männer aus Braunschweig und der Region. Zwei bis zweieinhalb Stunden lang. Kein Handy auf dem Tisch, kein Termindruck.
Der Abend hat einen roten Faden, aber kein Programm im Sinne einer Veranstaltung. Jemand trägt ein Gedicht vor, das er selbst geschrieben hat. Jemand setzt sich ans Klavier. Jemand hält einen Vortrag über ein Thema, das ihn seit Jahren umtreibt, und wird dabei zweimal von einer guten Pointe unterbrochen. Dazwischen: Gespräche, für die im Alltag selten Zeit bleibt. Was einer beruflich macht, kommt oft erst nach Monaten zur Sprache – und interessiert dann auch niemanden besonders.
Was dieser Abend ausdrücklich nicht ist
Kein Sport, kein Kurs, kein Netzwerktreffen. Es gibt nichts zu lernen, nichts zu erreichen und niemanden, den man kennen sollte. Wer etwas beitragen will, trägt bei; wer lieber zuhört, hört zu. Beides ist gleich viel wert.
Wie weit der Braunschweiger Humor dabei trägt, zeigt eine Geschichte, die sich die Stadt bis heute erzählt: Die hiesigen Schlaraffen erfanden einst einen Heimatdichter namens Otto Bögeholz, komplett mit Werk und Biografie. Bei der Suche nach Straßennamen für ein Neubaugebiet in Watenbüttel schaffte es der Erfundene aufs Straßenschild. Die Otto-Bögeholz-Straße gibt es dort noch heute.
Ein Abend als Gast – ganz praktisch
Ein Gastbesuch kostet nichts und verpflichtet zu nichts. Anfahrt von der A 2 über den Hagenring auf die Jasperallee Richtung Theater, davor links in die Bismarckstraße; aus der Innenstadt über den Steinweg am Theater vorbei, erste Straße rechts. Direkt an der Okerburg sind die Parkmöglichkeiten knapp, im Viertel findet sich meist etwas.
Melden Sie sich vorher kurz an, dann erwartet Sie jemand an der Tür und erklärt, was gerade passiert. Nach zwei Stunden wissen Sie ziemlich genau, ob das etwas für Sie ist.
🦉 Und wie heißt das Ganze? Der Abend hat einen Namen: Schlaraffia – ein weltweiter Bund von Männern, die Humor, Kunst und Freundschaft pflegen, gegründet 1859 in Prag. In Braunschweig trägt das Reych den Namen Brunsviga und die Nummer 55.
Neugierig auf so einen Abend?
Kommen Sie als Gast vorbei – kostenlos, unverbindlich und ganz unkompliziert.