In der Hochstraße 21 steht ein Haus, das aussieht wie eine kleine Burg. Es ist keine. Es war eine Erzgießerei, es wurde eine Schlaraffenburg, es wurde enteignet, ausgebombt, zurückerstritten und wieder aufgebaut. Heute steht es unter Denkmalschutz und heißt, weil der Okerring nebenan liegt, die Okerburg.
Die Gießerei, 1853 bis 1906
Der älteste Teil des Anwesens ist der schlichte, eingeschossige Nordflügel mit Rundbogenfenstern und Satteldach. Er gehörte zur Werkstatt des Braunschweiger Erzgießers und Bildhauers Georg Ferdinand Howaldt (1802–1883). Howaldt war 1836 nach Braunschweig zurückgekehrt und hatte hier seine Gießerei eingerichtet; 1863 wurde er Professor am Collegium Carolinum, der späteren Technischen Universität.
Aus dieser Gießerei kamen die bekanntesten Braunschweiger Bronzebildwerke des neunzehnten Jahrhunderts: das Lessing-Denkmal, der Heinrichsbrunnen am Hagenmarkt, die Reiterstandbilder vor dem Schloss und die Quadriga mit der Brunonia, an der Howaldt sechs Jahre arbeitete und die nach dem Schlossbrand von 1865 rekonstruiert wurde. Über Braunschweig hinaus goss er das Humboldt-Denkmal, das seit 1869 im Central Park in New York steht, und war am Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck beteiligt.
Die Söhne und Nachfolger konnten den Konkurs des Unternehmens im Jahr 1906 nicht verhindern. Der zweigeschossige Hauptbau des Anwesens stammt aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.
Eine Fügung am Rande: Howaldt starb 1883 — in demselben Jahr, in dem die Brunsviga gegründet wurde.
1912 — der Kauf
1912 erwarb die Schlaraffia Brunsviga den Komplex für 19.000 Mark. Den Umbau zur Burg besorgte Schlaraffias Burgbaumeister Ritter Betorr (Louis Eicke), die künstlerische Ausmalung Ritter, später Herrlichkeit, Immemett (Georg Dossier). Die Burgweihe fand 1913 statt, verbunden mit dem Stiftungsfest. Die Chronik nennt das Ergebnis ein Schmuckstück für Braunschweig und eine Sehenswürdigkeit Allschlaraffias.
1937 — enteignet
Nach der erzwungenen Auflösung des Reyches im Jahr 1937 wurde die Burg von der politischen Partei übernommen. Die Sassen trafen sich fortan an einem Stammtisch.
1944 — die Feuernacht
In der Bombennacht des 15. Oktober 1944 zerstörte eine Sprengbombe den Rittersaal. Die Wandmalereien Immemetts waren verloren und wurden nach dem Krieg nicht wiederhergestellt.
1947 — zurückerstritten
Die Bemühungen um Rückgabe im Wiedergutmachungsverfahren hatten Erfolg: Am 17. Oktober 1947 war die Okerburg wieder Eigentum der Brunsviga, die grundbuchamtliche Rückübertragung folgte 1950. Zunächst wurde in der alten Vorburg eingerichtet; am 13. und 14. Herbstmond 1952 konnte der wiederhergestellte Rittersaal neu eingeweiht werden.
Der Turm, den es zweimal gibt
Beim Wiederaufbau nach 1945 bekam das Haus jenen Turm, der es heute unverwechselbar macht: eine Nachbildung des Turms der Burg Dankwarderode in der Gestalt, die Ludwig Winter ihm zwischen 1887 und 1906 gegeben hatte. Über dem Eingang zwinkert ein stilisierter Uhu.
Heute
Das Gebäude in der Hochstraße 21 ist ein denkmalgeschütztes Bauwerk und wird wieder als Vereinshaus genutzt. Am Tag des offenen Denkmals ist es unter dem Namen „Burg der Schlaraffia Brunsviga“ zu besichtigen — eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen eine Schlaraffenburg ihre Pforten für alle öffnet.
Zum Baujahr der Gießhalle gehen die Quellen auseinander: Die Stadt Braunschweig nennt 1859, der Eintrag zum Tag des offenen Denkmals datiert den Werkstattbetrieb auf 1853 bis 1906. Beide Angaben stehen hier nebeneinander, weil keine die andere aussticht. Die Angaben zum Reych stammen aus dem elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv, die Angaben zum Gebäude aus den Veröffentlichungen der Stadt Braunschweig.