1. Dezember 1883 — ein Fähnlein aus Hannover
Am Anfang stand das Theater. Im profanen Braunschweig hatten Mitglieder des Herzoglichen Hoftheaters Interesse am schlaraffischen Treiben gezeigt, und so kam am 1. Dezember 1883 ein stattliches Fähnlein der Hannovera nach Braunschweig — angeführt von Herrlichkeit Hanno der Cellenser, dazu die Ritter Milde und Paris mit der Aphrodite.
Was die drei an diesem Abend anrichteten, muss überzeugend gewesen sein: Noch am selben Tag wurde die Gründung der Colonie Brunsviga beschlossen. Am 16. Dezember gab die Allmutter Praga ihre Zustimmung. Die Schlaraffen-Zeytung hält den Tag in einem Satz fest, der bis heute die Grundlage jeder Braunschweiger Datierung ist: „Am 1.12. a. U. 24 wurde unser Reych Brunsviga gegründet.“
Zu den tragenden Gestalten der ersten Jahre zählt die Chronik acht Namen: Moltke der Braun-Schweiger (Wilhelm Meyes), Settikten (Albert Preuß), Josef der Keusche (Wilhelm Rüttiger), Hans Huckebein (Franz Golinelli), General-Baß (Max Clams), Henkel von Bunzlau (Dr. jur. Rudolf Topp), Aesculap (Dr. med. Hermann Heller) und Correggio (Rüger). Am 13. November 1884 wurde die Colonie zum Reych erhoben. Vier Jahre später wurde der große Schlaraffe Adonis I. Ehrenritter der Brunsviga.
Die Ära Bariton
Schon in der Frühzeit trat der Kaufmann Karl Einert als Ritter Bariton der Sängrige ein. Er wurde die tragende Säule des jungen Reyches und regierte über zwanzig Jahrungen als Herrlichkeit. Die Schlaraffen nennen diese Zeit bis heute die Ära Bariton.
In sie fällt eine Einrichtung, die Schule machte. Auf Anregung der Mutter Hannovera lud die Brunsviga zum ersten Familienfest: Die Hannovera traf sich mit ihren beiden Töchtern, der Magdeburgia und der Brunsviga. Aus diesem Abend wurde eine Tradition — die kombinierten Sippungen, die seither mit wechselnden Reychen gefeiert werden. Noch 1968 saßen fünf verwandte Reyche zu einer Geschlechtersippung beisammen: Berolina, Hannovera, Brunsviga, Castellum Peinense und Cell-Erika.
Die Ära Tom — „Das allzeit vorbildliche Reych“
1895 meldete sich der kunstbegeisterte Lehrer Hermann Krüger als Prüfling. Als Ritter Tom der Reimer wurde er Baritons Nachfolger und begründete eine neue Blüte. Tom war der ruhende Pol; an seiner Seite stand Ritter Ingenio (Karl Arndt), im Uhuversum bekannt für hochgeistige Fechsungen. Berühmt wurden die von Tom zelebrierten Heroenfeiern.
Und dann geschah etwas, das kein zweites Reych vorweisen kann: Die Allmutter Praga verlieh der Brunsviga den Titel „Das allzeit vorbildliche Reych“ — einmalig in Allschlaraffia. Herrlichkeit Tom selbst erhielt den Ehrenhelm der Allmutter. Das Dreigestirn auf dem Thron jener Jahre nennt die Chronik in einem Atemzug: Bariton, Tom, Immemett.
Wie lebendig es zuging, zeigt eine einzige Zahl: Bereits im Christmond 1911 lud die Brunsviga uhubrüderlich zu ihrer achthundertsten Sippung.
1912 — die Burg des Erzgießers
Nach zahlreichen Burgwechseln erwarb das Reych 1912 auf der Hochstraße ein Anwesen, das bis dahin nichts mit Schlaraffia zu tun hatte: die ehemalige Erzgießerei des Professors Georg Ferdinand Howaldt. Aus dieser Gießerei kamen die bekanntesten Braunschweiger Bronzebildwerke des neunzehnten Jahrhunderts — das Lessing-Denkmal, der Heinrichsbrunnen am Hagenmarkt, die Reiterstandbilder vor dem Schloss und die Quadriga mit der Brunonia. Darüber hinaus goss Howaldt das Humboldt-Denkmal, das seit 1869 im Central Park in New York steht.
Eine Fügung am Rande, die man nicht erfinden könnte: Howaldt starb 1883 — in demselben Jahr, in dem die Brunsviga gegründet wurde. Neunundzwanzig Jahre später zog sie in sein Haus.
Den Umbau besorgte Schlaraffias Burgbaumeister Ritter Betorr (Louis Eicke), die künstlerische Ausmalung Ritter, später Herrlichkeit, Immemett (Georg Dossier). Die Burgweihe fand 1913 statt, verbunden mit dem Stiftungsfest. Ihren Namen hat die Burg vom nahen Okerring: Okerburg. Die Geschichte dieses Hauses steht auf einer eigenen Seite.
1923 — eine Tochter in Peine
1923 gründete die Brunsviga das Tochterreych Castellum Peinense, das sich prächtig entwickelte. Der Erste Weltkrieg, so hält es die Chronik fest, hatte dem Reych keine Breschen geschlagen.
1937 — das Ende und der Stammtisch
Am 24. November 1937 fand die letzte Sippung statt. Erb-Marschall und Erb-Kantzelar Herrlichkeit Opahl (Wilhelm Pahl) hatte bis zuletzt gekämpft. Den Rahmen hatte eine Verfügung vom 27. Januar 1937 gesetzt, die die „freiwillige Auflösung bis zum 1. März 1937“ anordnete; am 4. Februar forderte der Bundesführer die Reyche zur Selbstauflösung auf.
Die Burg wurde von der politischen Partei übernommen. Opahl und Ritter Siebel (Hans Mirsalis) hielten die Sassen an einem Stammtisch zusammen — eine Form, zu der in jenen Jahren mehrere aufgelöste Reyche griffen.
15. Oktober 1944 — die Feuernacht
In der Bombennacht des 15. Oktober 1944 zerbarst der Rittersaal der Okerburg durch eine Sprengbombe. Die Schlaraffen-Zeytung nennt sie später schlicht die „Feuernacht des 15. Oktober 1944“. Die Wandmalereien Immemetts waren verloren; sie wurden nach dem Krieg nicht wiederhergestellt.
22. November 1946 — vierundzwanzig Ritter
Auf den Aufruf Ritter Pitls' (August Pabst) von der Hannovera hin sammelten sich die Übriggebliebenen. Am 22. November 1946 wurde die Brunsviga neu gegründet: mit einigen alten Sassen, zwölf Rittern aus den Ostreychen, die nach Braunschweig geflüchtet waren, und drei Pilgern — zusammen vierundzwanzig Ritter.
Als Würdenträger nennt die Chronik Pitls (Pabst), Nieda (Willi Sonnen), Opahl (Pahl), Schlankweg (Wilhelm Grone), Burkard (Hans Arndt), Los vom Rom (Otto Riechers, aus der Caprae Collum) und Marat (A. Weinschenk).
Dass zwölf von vierundzwanzig Rittern Geflüchtete aus dem Osten waren, ist mehr als eine Zahl. Die Brunsviga der Nachkriegszeit war zur Hälfte ein Reych von Menschen, die ihre eigenen Burgen verloren hatten.
1947 — die Burg zurück
Die Bemühungen um Rückgabe der Okerburg im Wiedergutmachungsverfahren hatten Erfolg: Am 17. Oktober 1947 war sie wieder Eigentum der Brunsviga, die grundbuchamtliche Rückübertragung folgte 1950. Der große Burgsaal lag in Trümmern; eingerichtet wurde zunächst in der alten Vorburg. 1951 öffnete eine festlich geschmückte Interimsburg zu einem Ritterschlag an neun Junkern. Am 13. und 14. Herbstmond 1952 wurde der wiederhergestellte Rittersaal neu eingeweiht — im selben Monat, in dem in Braunschweig die neunte Sitzung des Schlaraffenrates der Reyche in Deutschland tagte.
Was die Jahrungen füllt
Der Brockenritt. Kein anderes Reych hat sich den Harz so zu eigen gemacht wie die Brunsviga. Die Sommersippung, verbunden mit dem Walpurgisritterturney, findet seit Jahrzehnten im Steinberghotel bei Goslar statt, in Wildemann, in Schulenberg, in Bad Harzburg, in Clausthal-Zellerfeld. 1967 war es der vierzigste, 1972 der sechsundvierzigste mit Sassen aus einundzwanzig Reychen, 1977 der einundfünfzigste im Kurhaus Wildemann, 2014 der achtundachtzigste. Dazu gibt es eine eigene Seite.
Der Wellenritt. Im Heumond 1979 lud die Brunsviga erstmals Sassen, Burgfrauen und Troß zu den Landungsbrücken des Braunschweiger Hafens zu einer Schiffsfahrt auf dem Elbeseitenkanal, mit Ziel Bernsteinsee.
Das Theater. 1980 wurde beim Burgfrauenfest das Spectaculum „Kaiser Maximus in Nöten“ uraufgeführt, 1994 das Schauspiel „Der Zauber der Walpurgisnacht“. Ein Reych, das aus dem Hoftheater heraus gegründet wurde, spielt eben selbst. Und schon 1972 rief die Brunsviga die Junkertafeln zum Chor-Sänger-Wettstreit und richtete die ersten Reychsjugendspiele aus, die Uhuversiade.
Das Dutzendstel. Jedes Jahr am 29. Hornung — also am 29. Februar — überbringt das Reych Kaiserpfalz der Brunsviga den vertraglich zustehenden Zins, das „Dutzendstel“. Ein Zins, der nur alle vier Jahre fällig wird, ist genau die Art von Einfall, für die Schlaraffen erfunden wurden.
Das hundertste Stiftungsfest. Im Lethemond 1983 beging die Brunsviga ihr hundertjähriges Bestehen mit fast fünfhundert Gästen aus dreiundfünfzig Reychen.
Ein Ort der ganzen Allschlaraffia
Im Erntemond 2010 kam die Allschlaraffische Ahnen- und Ordensammlung vom Reyche Ante Portas Mundi nach Braunschweig und wurde hier eingerichtet; im Windmond desselben Jahres wurde das eingerichtete Archiv der Brunsviga mit einer Feier eröffnet. Seither hütet die Brunsviga ein Stück des Gedächtnisses der ganzen Allschlaraffia.
Die geschichtlichen Angaben dieser Seite sind im elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv belegt, überwiegend in den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung und in der Allschlaraffischen Chronik. Wo eine Lesung unsicher ist, steht es im Text. Wer Unterlagen, Bilder oder Erinnerungen zur Brunsviga besitzt, möge sich bitte melden.
Geschichte der Schlaraffia
🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
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